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Medikamente regelmäßig einnehmen: Warum so viele Dosen fehlen und was wirklich hilft

18 Min. Lesezeit YUTHI Redaktion

Medikamente regelmäßig einzunehmen klingt einfach, gelingt aber vielen nicht. Die Studien zeigen, warum: Meist ist es schlichtes Vergessen, manchmal ein leiser Zweifel. Und sie zeigen, was hilft und was überraschend wenig bringt.

Es ist Dienstagmorgen, kurz nach sieben. Die Blutdrucktablette liegt wie immer neben der Kaffeemaschine, du hast die Packung schon in der Hand. Dann klingelt das Telefon, die Kinder suchen ihre Turnschuhe, und eine halbe Stunde später sitzt du im Auto. Irgendwann am Vormittag kommt die Frage: Habe ich sie heute eigentlich genommen? Du weißt es nicht. Und du weißt auch nicht, was jetzt richtig ist.

Falls dir das bekannt vorkommt, bist du in sehr großer Gesellschaft. Dass Medikamente nicht so eingenommen werden, wie sie verordnet wurden, gehört zu den häufigsten Problemen der Medizin überhaupt. Mit Nachlässigkeit hat das selten zu tun. Meist ist es ein voller Alltag, manchmal ein ungutes Gefühl gegenüber der Tablette, und oft beides.

Wir haben uns angesehen, was die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und große Übersichtsarbeiten über die regelmäßige Einnahme wissen: wie oft Dosen fehlen, warum das passiert und welche Hilfen in Studien tatsächlich etwas gebracht haben. Ein Teil der Ergebnisse wird dich überraschen. Am Ende weißt du, woran du selbst drehen kannst und wann du besser mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Apotheke sprichst.

Wie oft werden Medikamente nicht wie verordnet eingenommen?

Sehr oft. Die WHO schätzte 2003, dass Menschen mit chronischen Krankheiten in Industrieländern ihre Behandlung im Schnitt nur zu rund 50 Prozent wie verordnet befolgen. Eine Cochrane-Übersicht mit 182 Studien hielt 2014 fest, dass Menschen verschriebene Mittel typischerweise nur etwa zur Hälfte der Dosen nehmen.

Die WHO hat ihren Bericht „Adherence to long-term therapies“ am 1. Juli 2003 vorgestellt. Die Zahl von rund 50 Prozent ist ein Durchschnitt über viele Krankheiten, und die Spanne dahinter ist groß. Beim Bluthochdruck nannte die WHO eine Therapietreue von 27 Prozent in Gambia, 43 Prozent in China und 51 Prozent in den USA. Bei Depressionen lagen die Werte zwischen 40 und 70 Prozent, bei Asthma bei 43 Prozent für die Akutbehandlung und 28 Prozent für die Dauerbehandlung.

Die Cochrane-Übersicht von Nieuwlaat und Kollegen aus dem Jahr 2014 ist die umfassendste Auswertung von Studien, die die Einnahme verbessern wollten. Gleich im ersten Satz steht der Befund, dass Menschen selbst einzunehmende Medikamente typischerweise nur etwa zur Hälfte nehmen. Cochrane ist ein internationales Netzwerk, das Studien nach strengen Regeln zusammenfasst.

Wichtig ist, wie diese Zahlen zu lesen sind. Sie hängen stark davon ab, wie gemessen wird: mit Fragebögen, mit gezählten Tabletten, mit Daten aus der Apotheke oder mit elektronischen Dosen, die jedes Öffnen speichern. Die genauen Prozentwerte schwanken deshalb von Studie zu Studie. Die Richtung ist aber überall dieselbe: Zwischen Rezept und eingenommener Tablette geht viel verloren.

Was bedeutet Therapietreue oder Adhärenz?

Adhärenz heißt, dass du ein Medikament so nimmst, wie du es mit deiner Ärztin oder deinem Arzt vereinbart hast. Eine europäische Forschungsgruppe teilte sie 2012 in drei Phasen: den Beginn der Einnahme, die tägliche Umsetzung und das Absetzen. In jeder dieser Phasen kann etwas schiefgehen, und jede braucht eine andere Hilfe.

Früher sprach man von Compliance, also von Befolgen. Das Wort klingt nach Gehorsam und wird heute seltener benutzt. Adhärenz, auf Deutsch auch Therapietreue, betont dagegen, dass Patientin und Ärztin den Plan gemeinsam festlegen. Das europäische ABC-Projekt um Bernard Vrijens fand 2012 im British Journal of Clinical Pharmacology mehr als zehn verschiedene Begriffe für dasselbe Verhalten, oft mit unterschiedlicher Bedeutung, und schlug deshalb eine klare Einteilung vor.

Die erste Phase ist der Beginn: Wird das Rezept überhaupt eingelöst und die erste Dosis genommen? Die zweite ist die Umsetzung im Alltag: Wird jeden Tag die richtige Menge zur richtigen Zeit genommen? Die dritte ist das Absetzen: Wann hört jemand auf, obwohl die Behandlung weiterlaufen sollte? Die Tabelle zeigt, was Studien zu jeder Phase gemessen haben.

Diese Einteilung ist mehr als Wortklauberei. Wer ein Rezept gar nicht erst einlöst, braucht ein anderes Gespräch als jemand, der jeden dritten Abend vergisst. Und wer nach ein paar Monaten aufhört, hat oft Gründe, die man nur erfährt, wenn man danach fragt.

Die drei Phasen der Therapietreue und was Studien gemessen haben
PhaseWas gemeint istEin MesswertQuelle
BeginnRezept einlösen, erste Dosis nehmen28 % der Rezepte für neue Medikamente wurden nie eingelöst (195 930 E-Rezepte, USA)Fischer 2010
UmsetzungIm Alltag richtig und pünktlich einnehmenAn jedem Tag fehlten rund 10 % der geplanten Dosen (4783 Menschen mit Bluthochdruck)Vrijens 2008
AbsetzenAufhören, obwohl die Behandlung weiterlaufen sollteRund die Hälfte hatte ihr Blutdruckmittel innerhalb eines Jahres abgesetztVrijens 2008

Die Einteilung stammt aus dem europäischen ABC-Projekt (Vrijens 2012). Die Messwerte kommen aus zwei Studien mit unterschiedlichen Gruppen und sind nicht direkt miteinander vergleichbar.

Wie viele Rezepte werden gar nicht erst eingelöst?

Mehr, als man denkt. In einer US-Studie mit 195 930 elektronischen Rezepten wurden 22 Prozent nie in der Apotheke abgeholt, bei neu verordneten Medikamenten sogar 28 Prozent. Bei neuen Mitteln gegen Bluthochdruck, erhöhte Blutfette und Diabetes lag der Anteil jeweils zwischen 28 und 31 Prozent.

Fischer und Kollegen werteten 2010 im Journal of General Internal Medicine ein Jahr elektronischer Rezepte von 75 589 Patientinnen und Patienten aus, verordnet von 1217 Ärztinnen und Ärzten. Von 82 245 Rezepten für neue Medikamente wurden 58 984 eingelöst, also 72 Prozent. Am höchsten war der Anteil bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre mit 87 Prozent.

Auffällig ist, welche Mittel liegen blieben: Bei neuen Medikamenten gegen Bluthochdruck wurden 28,4 Prozent nicht abgeholt, bei Mitteln gegen erhöhte Blutfette 28,2 Prozent und bei Diabetes-Medikamenten 31,4 Prozent. Das sind Krankheiten, die man oft nicht spürt. Wer sich gesund fühlt, sieht weniger Grund, mit einer Tablette anzufangen.

Die Studie stammt aus den USA, wo Zuzahlungen eine größere Rolle spielen als in vielen europäischen Ländern. In einem Leserbrief an dieselbe Zeitschrift kritisierten andere Forschende zudem, dass die Zahlen zu hoch ausfallen könnten. Der Kern bleibt trotzdem: Der Schritt vom Rezept zur ersten Tablette ist eine eigene Hürde. Wenn du ein Rezept nicht einlösen möchtest, sag es deiner Ärztin oder deinem Arzt. Dann könnt ihr gemeinsam nach dem Grund und nach Alternativen suchen.

Warum vergessen Menschen ihre Medikamente?

Der häufigste Grund ist schlichtes Vergessen. In einer Studie mit 261 Erwachsenen, die Blutdruckmittel nahmen, nannten die Befragten Vergessen in 39,5 Prozent der Fälle, Zeitmangel in 23,7 Prozent und Reisen in 19,7 Prozent. Ob jemand Dosen auslässt, schwankte dabei stark von Woche zu Woche.

Voils und Kollegen riefen 2014 Menschen, die mindestens ein Blutdruckmittel nahmen, viermal im Abstand von etwa zwei Wochen unangekündigt an und fragten, ob und warum sie in der vergangenen Woche Dosen ausgelassen hatten. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift Patient Preference and Adherence. Bei 152 von 871 Anrufen, also bei 17,5 Prozent, berichteten die Befragten von ausgelassenen Dosen, und das betraf 93 der 261 Teilnehmenden, also mehr als ein Drittel.

Besonders aufschlussreich ist ein Detail: Die Hälfte der Unterschiede ging darauf zurück, dass ein und dieselbe Person mal mehr und mal weniger vergaß. Die andere Hälfte lag an Unterschieden zwischen den Menschen. Es gibt also nicht einfach die Zuverlässigen und die Vergesslichen. Es gibt gute Wochen und Wochen, in denen der Alltag alles durcheinanderbringt.

Fachleute unterscheiden deshalb zwei Arten. Unbeabsichtigtes Auslassen passiert aus Vergessen, Zeitdruck oder weil die Routine unterbrochen ist, etwa im Urlaub. Beabsichtigtes Auslassen ist eine bewusste Entscheidung, zum Beispiel wegen Nebenwirkungen oder Zweifeln am Nutzen. Gegen das erste helfen Erinnerungen und feste Abläufe, gegen das zweite hilft vor allem ein offenes Gespräch.

Welche Rolle spielen Zweifel und Sorgen bei der Einnahme?

Eine große. Eine Auswertung von 94 Studien mit 25 072 Menschen mit Langzeiterkrankungen fand 2013: Wer sein Medikament für notwendig hielt, nahm es deutlich eher wie verordnet. Wer sich Sorgen über mögliche Schäden machte, nahm es deutlich seltener. Beides lässt sich im Gespräch mit Ärztin oder Arzt ansprechen.

Horne und Kollegen vom University College London fassten in der Fachzeitschrift PLOS ONE Studien zusammen, die alle denselben Fragebogen benutzten, den „Beliefs about Medicines Questionnaire“. Er fragt, wie nötig jemand ein Medikament für sich findet und welche Sorgen er sich darüber macht. Wer die Notwendigkeit stärker sah, hatte eine um rund 74 Prozent höhere Chance, gut therapietreu zu sein (Odds Ratio 1,74). Wer mehr Sorgen hatte, hatte eine etwa halb so große Chance (Odds Ratio 0,50).

Eine Odds Ratio, also ein Chancenverhältnis, vergleicht die Chancen zweier Gruppen. Ein Wert über eins bedeutet eine höhere Chance, ein Wert unter eins eine niedrigere. Die Zusammenhänge blieben stabil, egal wie groß die Studien waren, in welchem Land sie stattfanden und wie die Einnahme gemessen wurde.

Für dich heißt das: Wenn du Zweifel hast, sind sie kein Zeichen von Undankbarkeit, sondern ein wichtiger Gesprächsstoff. Frag, wozu genau das Mittel da ist, woran du merkst, ob es wirkt, und was gegen Nebenwirkungen getan werden kann. Die Autorinnen und Autoren empfehlen ausdrücklich, Ärztinnen und Ärzte sollten diese Überzeugungen ihrer Patientinnen und Patienten bei der Verordnung einbeziehen. Setz ein Medikament aber nie auf eigene Faust ab.

Lebt man länger, wenn man Medikamente regelmäßig nimmt?

Menschen mit guter Therapietreue sterben in Studien seltener, aber nicht nur wegen des Medikaments. Eine Auswertung von 21 Studien mit 46 847 Teilnehmenden fand 2006 bei guter Einnahme deutlich seltener Todesfälle, mit einem Chancenverhältnis von 0,56. Derselbe Unterschied zeigte sich auch bei Scheinmedikamenten, was auf einen insgesamt gesünderen Lebensstil der Treuen hindeutet.

Simpson und Kollegen von der University of Alberta veröffentlichten diese Auswertung 2006 im British Medical Journal. Bei guter gegenüber schlechter Einnahme lag das Chancenverhältnis für Tod bei 0,56. Spannend wird es bei den acht Studien mit 19 633 Teilnehmenden, in denen ein Teil der Menschen ein Placebo bekam, also eine Tablette ohne Wirkstoff. Auch wer das Placebo zuverlässig nahm, starb seltener, ebenfalls mit einem Chancenverhältnis von 0,56.

Das Fachwort dafür ist der „Healthy-Adherer-Effekt“: Wer seine Tabletten regelmäßig nimmt, lebt oft auch sonst gesünder, bewegt sich mehr, geht zu Kontrollen und isst bewusster. Die regelmäßige Einnahme ist dann zum Teil ein Zeichen für einen insgesamt sorgsamen Umgang mit der eigenen Gesundheit.

Daraus folgt nicht, dass Medikamente nichts bringen. Bei Mitteln mit belegtem Nutzen war gute Einnahme mit einem ähnlich geringeren Sterberisiko verbunden. Die Studie zeigt aber auch eine Kehrseite: Bei Mitteln, die sich in der jeweiligen Studie als schädlich erwiesen, war gute Einnahme mit einem höheren Risiko verbunden. Deshalb gehört zur Therapietreue, regelmäßig zu prüfen, ob ein Medikament noch das richtige ist, gemeinsam mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

Hilft es, weniger Tabletten am Tag zu nehmen?

Ja, das zeigen Messungen mit elektronischen Tablettendosen. In einer Übersicht über 76 Studien wurden bei einer Einnahme am Tag im Schnitt 79 Prozent der Dosen genommen, bei viermal täglich nur 51 Prozent. Ob sich dein Plan vereinfachen lässt, entscheidest du nicht allein, sondern mit Ärztin oder Arzt.

Claxton und Kollegen werteten 2001 in der Fachzeitschrift Clinical Therapeutics nur Studien aus, in denen die Einnahme elektronisch gemessen wurde. Dabei speichert ein Chip im Deckel der Dose jedes Öffnen mit Uhrzeit. Das gilt als genauer als Fragebögen oder gezählte Tabletten. Die Studie entstand bei einem Arzneimittelhersteller, was du beim Lesen im Hinterkopf behalten solltest.

Je mehr Einnahmen am Tag, desto weniger wurden tatsächlich genommen. Zwischen einmal und zweimal täglich war der Unterschied allerdings statistisch nicht eindeutig, deutlich wurde er erst ab drei und vier Einnahmen. Noch schlechter sah es bei der Pünktlichkeit aus: In 14 Studien, die auch die Uhrzeit auswerteten, wurden im Schnitt nur 59 Prozent der Dosen im vorgesehenen Zeitfenster genommen.

Manche Medikamente gibt es als Variante, die man seltener nehmen muss, oder als Kombination mehrerer Wirkstoffe in einer Tablette. Ob das für dich infrage kommt, hängt von deiner Erkrankung und deinen Mitteln ab. Ein Satz wie „Mir fällt die Mittagsdosis schwer“ ist beim nächsten Termin ein guter Anfang.

Einnahmen am Tag und genommene Dosen
Einnahmen am TagIm Schnitt genommene Dosen
1-mal79 %
2-mal69 %
3-mal65 %
4-mal51 %

Quelle: Claxton, Cramer und Pierce, Clinical Therapeutics 2001. Übersicht über 76 Studien, in denen die Einnahme mit elektronischen Tablettendosen gemessen wurde. Die Spanne zwischen den Studien war groß, von 34 bis 97 Prozent.

Helfen Erinnerungen auf dem Handy bei der Medikamenteneinnahme?

In Studien ja. Eine Auswertung von 16 Studien mit 2742 Teilnehmenden fand 2016, dass Erinnerungen per Textnachricht die Chance, Medikamente wie verordnet zu nehmen, ungefähr verdoppelten. Die Forschenden schätzten, dass die Therapietreue dadurch von angenommenen 50 auf knapp 68 Prozent steigen könnte. Die Studien liefen allerdings meist nur wenige Wochen.

Thakkar und Kollegen veröffentlichten diese Auswertung 2016 in JAMA Internal Medicine. Eine Meta-Analyse fasst die Ergebnisse vieler Studien rechnerisch zu einem Gesamtergebnis zusammen. Hier lag das Chancenverhältnis bei 2,11. Wenn nur die Studien mit besserer Qualität zählten, war der Effekt kleiner, mit 1,67 aber immer noch deutlich.

Die Grenzen nennen die Autorinnen und Autoren selbst: Die Studien dauerten im Mittel nur zwölf Wochen, und die Einnahme wurde meist erfragt, nicht gemessen. Wer weiß, dass er an einer Studie teilnimmt, schätzt sich womöglich besser ein, als er ist. Ob der Effekt über Monate und Jahre hält und ob er Krankheitsverläufe verbessert, ist damit noch offen.

Trotzdem passt das Ergebnis zum häufigsten Grund für ausgelassene Dosen. Wenn Vergessen das Hauptproblem ist, ist ein Anstoß zur richtigen Zeit naheliegend. Eine Erinnerung ersetzt dabei keine ärztliche Anweisung. Die Uhrzeit sollte zu dem passen, was für dein Medikament gilt, zum Beispiel nüchtern, zum Essen oder am Abend.

Helfen Wochendosierer und Pillendosen?

Allein offenbar kaum. In einer großen US-Studie mit 53 480 Teilnehmenden bekamen Menschen, die ihre Medikamente unregelmäßig nahmen, per Post eine Pillendose, einen Deckel mit Zeitanzeige oder einen Flaschenstreifen zum Abhaken. Nach einem Jahr nahmen nicht mehr Menschen ihre Mittel zuverlässig als in der Gruppe ohne Hilfsmittel.

Die sogenannte REMIND-Studie von Choudhry und Kollegen erschien 2017 in JAMA Internal Medicine. Teilnehmen konnten 18- bis 64-Jährige, die ein bis drei Medikamente zum Schlucken für Dauererkrankungen nahmen und im Jahr davor nur 30 bis 80 Prozent ihrer Packungen abgeholt hatten. Gemessen wurde ein Jahr lang über Apothekendaten, wer mindestens 80 Prozent seiner Mittel vorrätig hatte.

Das Ergebnis war ernüchternd: Mit der klassischen Pillendose erreichten 15,5 Prozent dieses Ziel, mit dem Zeitdeckel 15,1 Prozent, mit dem Streifen zum Abhaken 16,3 Prozent und ohne jedes Hilfsmittel 15,1 Prozent. Keiner der Unterschiede zur Vergleichsgruppe war statistisch bedeutsam. Mehrere Mitarbeitende des Apothekenunternehmens, das die Studie unterstützte, gehörten zu den Autorinnen und Autoren.

Heißt das, dass eine Wochendose nutzlos ist? Nicht unbedingt. Die Geräte kamen ohne Gespräch und ohne Einweisung per Post, und niemand prüfte, ob sie überhaupt benutzt wurden. Die Forschenden vermuten selbst, dass sie in Kombination mit Unterstützung besser wirken könnten. Ein Hilfsmittel allein verändert aber offenbar noch keine Gewohnheit. Wenn du eine Wochendose füllst, lass dir in der Apotheke zeigen, welche Mittel sich dafür eignen.

Wie wird die Medikamenteneinnahme zur Gewohnheit?

Indem du sie an etwas knüpfst, das du ohnehin jeden Tag tust. Die größte Auswertung mit 771 Studien fand 2017 die stärksten Effekte bei Ansätzen, die auf Gewohnheiten und Verhalten zielen, nicht bei reiner Wissensvermittlung. In einer Studie zur Gewohnheitsbildung dauerte es im Schnitt 66 Tage, bis eine neue tägliche Handlung automatisch ablief.

Conn und Ruppar von der University of Missouri werteten 2017 in der Fachzeitschrift Preventive Medicine 771 Studien zu Hilfen bei der Einnahme aus. Insgesamt verbesserten diese die Therapietreue, aber nur in eher kleinem Maß; die Autorinnen schreiben, es bleibe viel Raum für Verbesserung. Am besten schnitten Hilfen ab, die bei Gewohnheiten und konkretem Verhalten ansetzten, also etwa die Einnahme an einen festen Moment im Tagesablauf koppelten. Hilfen, die vor allem Wissen und Überzeugungen ändern wollten, wirkten schwächer. Besonders wirksam waren außerdem persönliche Gespräche, vor allem mit Apothekerinnen und Apothekern.

Wie lange es dauert, bis so eine Kopplung sitzt, hat ein Team um Phillippa Lally am University College London untersucht. 96 Studierende suchten sich 2010 eine neue gesunde Handlung aus und verknüpften sie mit einem festen täglichen Auslöser, zum Beispiel ein Stück Obst zum Mittagessen. Im Schnitt lief die Handlung nach 66 Tagen weitgehend automatisch ab, je nach Person aber nach 18 bis zu geschätzten 254 Tagen. Ein einzelner verpasster Tag änderte daran wenig.

Die Studie untersuchte keine Medikamente, das Prinzip lässt sich aber übertragen. Ein Auslöser kann das Zähneputzen sein, die erste Tasse am Morgen oder das Abendessen. Bevor du die Einnahme an eine Mahlzeit oder ein Getränk knüpfst, frag in der Apotheke nach, ob dein Mittel nüchtern, zum Essen oder mit Abstand zu bestimmten Getränken genommen werden soll. Manche Mittel vertragen sich nämlich nicht mit Kaffee oder Milch.

Wechselwirkungen mit Essen und Supplementen

Was tun, wenn du eine Medikamenten-Einnahme vergessen hast?

Das hängt vom Medikament ab, eine Regel für alle gibt es nicht. Schau in die Packungsbeilage oder frag in der Apotheke, was bei einer vergessenen Dosis gilt. Nimm nichts doppelt, ohne nachzufragen. Wenn du merkst, dass du oft Einnahmen auslässt, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

Bei manchen Mitteln ist es sinnvoll, die Dosis nachzuholen, bei anderen lässt man sie besser aus, und bei einigen kommt es auf die Stunden bis zur nächsten Einnahme an. In vielen Packungsbeilagen steht dazu ein eigener Abschnitt mit der Überschrift, was zu tun ist, wenn die Einnahme vergessen wurde. Für Medikamente mit enger Dosierung, zum Beispiel Gerinnungshemmer, solltest du dir diese Regel am besten vorab notieren.

Wichtiger als die einzelne vergessene Tablette ist das Muster. In der Studie von Vrijens und Kollegen von 2008 mit 4783 Menschen mit Bluthochdruck waren 43 Prozent der ausgelassenen Dosen Teil von Pausen über mehrere Tage, und fast die Hälfte der Teilnehmenden machte mindestens einmal im Jahr eine solche Pause. Wer seine Tabletten im Alltag weniger zuverlässig nahm, setzte sie zudem eher ganz ab.

Die Cochrane-Übersicht von 2014 zieht ein ehrliches Fazit: Die bisherigen Hilfen sind meist aufwendig und wirken nur mäßig, eine einfache Lösung für alle gibt es nicht. Die wirksamsten Ansätze kombinierten mehrere Bausteine und begleiteten die Menschen über längere Zeit, oft durch Apothekerinnen und Apotheker. Ein offenes Gespräch über deine Lücken ist deshalb kein Eingeständnis, sondern der erste Schritt zu einem Plan, der zu deinem Leben passt.

So hilft dir die YUTHI-App

In der YUTHI-App gibt es einen eigenen Bereich Medikamente. Er erscheint nur, wenn du ihn beim Kennenlernen oder später einschaltest; ausschalten löscht nichts. Dort führst du eine Liste mit Name, Dosis, Tageszeit und Rhythmus deiner Medikamente: täglich, jeden zweiten, dritten oder siebten Tag. Die App schlägt weder eine Dosis noch eine Uhrzeit vor. Es steht dort nur, was du oder dein Rezept sagen.

Für jedes Medikament kannst du eine Erinnerung zu deiner Uhrzeit einschalten. In der Mitteilung gibt es einen Knopf „Genommen“, der die Einnahme direkt einträgt, und an jeder Erinnerung steht der Hinweis, dass sie keine ärztliche Anweisung ersetzt. Hast du Mitteilungen für YUTHI in den Einstellungen deines Telefons nicht erlaubt, sagt dir die App das, damit du dich nicht auf einen stummen Wecker verlässt.

Unter Analyse siehst du deine Einnahme-Treue: welchen Anteil deiner geplanten Einnahmen du in den letzten sieben Tagen abgehakt hast, als Wochenbalken. Gezählt wird ehrlich nur, was du abgehakt hast. Der Verlauf zeigt, wann du was genommen hast. Neue Medikamente kannst du auch im Chat nennen oder die Packung fotografieren; dein Coach liest Name und Stärke ab und fragt nach, bevor etwas in die Liste kommt.

Für den nächsten Arzttermin erstellst du einen Bericht als PDF mit deiner Liste und deiner Einnahme-Treue, den du per Mail, AirDrop oder ausgedruckt weitergibst. So wird aus „Ich glaube, ich nehme sie meistens“ eine Zahl, über die ihr sprechen könnt. Und wie ist es bei dir: Woran hängst du deine Tablette am Morgen, oder liegt sie auch neben der Kaffeemaschine?

YUTHI-App

Häufige Fragen

Wie viele Menschen nehmen ihre Medikamente nicht richtig ein?

Die WHO schätzte 2003 die Therapietreue bei chronischen Krankheiten in Industrieländern auf im Schnitt rund 50 Prozent. Eine Cochrane-Übersicht kam 2014 zu einem ähnlichen Bild: Verschriebene Mittel werden typischerweise nur etwa zur Hälfte der Dosen genommen.

Was ist der häufigste Grund, Medikamente nicht zu nehmen?

Vergessen. In einer Studie mit 261 Menschen mit Bluthochdruck stand es mit 39,5 Prozent an erster Stelle, vor Zeitmangel mit 23,7 Prozent und Reisen mit 19,7 Prozent.

Bringt eine Medikamenten-Erinnerung per App etwas?

In einer Auswertung von 16 Studien verdoppelten Erinnerungen per Textnachricht ungefähr die Chance, Medikamente wie verordnet zu nehmen. Die Studien liefen aber meist nur rund zwölf Wochen, und die Einnahme wurde oft nur erfragt.

Darf ich eine vergessene Tablette einfach doppelt nehmen?

Nicht ohne Rückfrage. Was bei einer vergessenen Dosis gilt, hängt vom Medikament ab und steht meist in der Packungsbeilage. Im Zweifel fragst du in der Apotheke oder bei deiner Ärztin oder deinem Arzt nach.

Ist es schlimm, wenn ich einen Tag vergesse?

Das hängt vom Medikament ab, darum frag in der Apotheke nach. Fürs Dranbleiben gilt: In einer Studie zur Gewohnheitsbildung änderte ein einzelner verpasster Tag wenig daran, dass die Handlung später automatisch ablief. Viele Lücken bremsten dagegen.

Mit wem bespreche ich, wenn ich ein Medikament nicht mehr nehmen will?

Mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, bevor du etwas änderst. Sorgen über Nebenwirkungen oder Zweifel am Nutzen gehören genau dorthin. Oft gibt es eine andere Lösung, etwa ein anderes Mittel, eine andere Uhrzeit oder einen einfacheren Plan.

Weiter in der App

Das war die Momentaufnahme. Die App macht daraus eine Begleitung.

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Quellen