Mehrere Medikamente gleichzeitig: Warum ein vollständiger Medikationsplan dich schützt
Wer mehrere Medikamente gleichzeitig nimmt, verliert leicht den Überblick, und Ärztinnen und Ärzte oft auch. Studien zeigen, wie häufig Listen unvollständig sind und was das bedeutet. Und welche Hilfen es in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt.
Du sitzt im Behandlungszimmer, und die Ärztin fragt: „Welche Medikamente nehmen Sie im Moment?“ Du zählst auf: die Tablette für den Blutdruck, das Mittel gegen das Cholesterin, ja, und die für den Magen. Erst auf dem Heimweg fällt dir ein, dass du das Vitamin D vergessen hast, die Kopfschmerztabletten, die du fast jeden zweiten Tag nimmst, und die Kapseln, die dir die Hautärztin vor drei Wochen verschrieben hat.
So geht es vielen, und es ist kein Zeichen von Nachlässigkeit. Wer mehrere Medikamente von mehreren Ärztinnen und Ärzten bekommt und dazu noch rezeptfreie Mittel und Supplemente nimmt, kann das kaum vollständig im Kopf behalten. Das Problem: Jede Ärztin, jeder Arzt und jede Apotheke entscheidet auf Grundlage dessen, was sie wissen. Fehlt ein Mittel auf der Liste, kann niemand prüfen, ob es sich mit einem neuen verträgt.
Wir haben uns angesehen, wie häufig Menschen mehrere Medikamente gleichzeitig nehmen, wie oft Medikamentenlisten unvollständig sind und welche Folgen das haben kann. Und wir zeigen dir, welche Hilfen es gibt: den Medikationsplan und die Medikationsberatung in Deutschland, den Polymedikations-Check in der Schweiz und die e-Medikation in Österreich.
Ab wie vielen Medikamenten spricht man von Polypharmazie?
Meist ab fünf Medikamenten, die gleichzeitig eingenommen werden. In einer Auswertung der europäischen SHARE-Erhebung nahmen je nach Land 26,3 bis 39,9 Prozent der Menschen ab 65 Jahren fünf oder mehr Medikamente. Die Schweiz gehörte zu den Ländern mit dem niedrigsten Anteil, Portugal, Israel und Tschechien zu denen mit dem höchsten.
Polypharmazie heißt wörtlich „viele Arzneimittel“. Eine einheitliche Grenze gibt es nicht, in vielen Studien liegt sie aber bei fünf Medikamenten. Midão und Kollegen aus Porto werteten 2018 in der Fachzeitschrift Archives of Gerontology and Geriatrics die sechste Befragungsrunde der Erhebung SHARE aus. SHARE steht für Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe und befragt regelmäßig ältere Menschen in vielen europäischen Ländern. Einbezogen waren 17 europäische Länder und Israel.
Mehrere Medikamente zu nehmen hing mit Alter, Geschlecht, der Zahl chronischer Erkrankungen, Einschränkungen im Alltag, Bewegungsmangel und Depression zusammen, aber auch mit Bildung und knappem Geld. Die Forschenden betonen, dass Polypharmazie mit Stürzen, Krankenhausaufenthalten, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und unregelmäßiger Einnahme in Verbindung steht.
Wichtig ist eine Unterscheidung: Viele Medikamente sind nicht automatisch zu viele. Wer mehrere Erkrankungen hat, braucht oft mehrere Mittel, und jedes einzelne kann sinnvoll sein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 2019 einen eigenen technischen Bericht zur Medikationssicherheit bei Polypharmazie veröffentlicht. Er fordert, dass die Medikamente zur einzelnen Person passen und regelmäßig überprüft werden, mit ihr gemeinsam und im Team mehrerer Gesundheitsberufe.
Warum steigt mit mehreren Medikamenten das Risiko für Nebenwirkungen?
Weil mit jedem Mittel mehr mögliche Wechselwirkungen und Nebenwirkungen dazukommen. In einer englischen Studie mit 18 820 Krankenhausaufnahmen standen 6,5 Prozent mit einer Nebenwirkung von Medikamenten in Zusammenhang. Die meisten davon galten als sicher oder möglicherweise vermeidbar. In einer US-Studie waren 15 Prozent der 62- bis 85-Jährigen dem Risiko einer schweren Wechselwirkung ausgesetzt.
Pirmohamed und Kollegen untersuchten 2004 im British Medical Journal sechs Monate lang alle Aufnahmen über 16-Jähriger in zwei großen Krankenhäusern im Raum Liverpool. Bei 1225 Aufnahmen spielte eine Nebenwirkung eine Rolle, in 80 Prozent dieser Fälle war sie der direkte Grund. Die Betroffenen blieben im Mittel acht Tage, zusammen belegten sie vier Prozent aller Betten. Am häufigsten beteiligt waren niedrig dosiertes Aspirin, harntreibende Mittel, der Gerinnungshemmer Warfarin und Schmerzmittel aus der Gruppe der sogenannten NSAR, etwa Ibuprofen. Die häufigste Folge waren Blutungen im Magen-Darm-Trakt.
Qato und Kollegen besuchten in den USA Menschen zwischen 62 und 85 Jahren zu Hause und sahen sich alle Packungen an. Zwischen 2005/2006 und 2010/2011 stieg der Anteil, der mindestens fünf verschreibungspflichtige Medikamente nahm, von 30,6 auf 35,8 Prozent. Der Anteil mit möglicher schwerer Wechselwirkung stieg von 8,4 auf 15,1 Prozent, meist durch Kombinationen von Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln.
Beide Studien zeigen nicht, dass die beteiligten Medikamente schlecht sind. Viele von ihnen haben einen belegten Nutzen. Sie zeigen aber, wie wichtig es ist, dass jemand alle Mittel gemeinsam im Blick hat. Welche Wechselwirkungen mit Lebensmitteln und Supplementen gut belegt sind, liest du im Artikel über Wechselwirkungen.
Was ist eine Verordnungskaskade?
Eine Verordnungskaskade entsteht, wenn die Nebenwirkung eines Medikaments für eine neue Krankheit gehalten und mit einem weiteren Medikament behandelt wird. Beschrieben haben das Paula Rochon und Jerry Gurwitz 1997 im British Medical Journal. Eine vollständige Liste mit dem Beginn jedes Mittels hilft, solche Ketten zu erkennen.
Ein Medikament löst eine Nebenwirkung aus, etwa Schwindel, geschwollene Beine oder Schlafprobleme. Wird nicht erkannt, dass das neue Beschwerdebild vom Medikament kommt, verschreibt jemand ein weiteres Mittel dagegen. Dieses kann wiederum eigene Nebenwirkungen haben. So wächst die Liste, ohne dass es dem Menschen besser geht.
Rochon und Gurwitz beschrieben dieses Muster vor allem bei älteren Menschen, die oft mehrere Ärztinnen und Ärzte haben. Gerade dann weiß die eine Praxis nicht immer, was die andere kurz zuvor verordnet hat.
Für dich heißt das: Wenn nach einem neuen Medikament neue Beschwerden auftreten, erwähne das beim nächsten Termin ausdrücklich. Ein Satz wie „Seit ich die neue Tablette nehme, habe ich …“ gibt deiner Ärztin oder deinem Arzt einen wichtigen Hinweis. Dafür hilft es, auf der Liste auch zu notieren, seit wann du welches Mittel nimmst. Setze ein Medikament aber nicht selbst ab, um das auszuprobieren.
Wechselwirkungen mit Essen und Supplementen
Warum ist eine vollständige Medikamentenliste so wichtig?
Weil Ärztinnen und Ärzte nur prüfen können, was sie kennen. In einer Übersicht über 22 Studien mit 3755 Menschen enthielten bis zu 67 Prozent der bei der Krankenhausaufnahme erfragten Medikamentenlisten mindestens einen Fehler. Bei 10 bis 61 Prozent fehlte mindestens ein Medikament. Je nach Studie galten 11 bis 59 Prozent der Fehler als klinisch bedeutsam.
Tam und Kollegen werteten 2005 im Canadian Medical Association Journal Studien aus, in denen die Medikamentenliste aus dem Aufnahmegespräch mit einer gründlichen Erhebung verglichen wurde. Dabei gab es zwei Arten von Fehlern: Mittel, die jemand nahm, die aber fehlten, und Mittel, die auf der Liste standen, aber gar nicht genommen wurden. Fehlende Mittel kamen bei 10 bis 61 Prozent vor, falsch hinzugefügte bei 13 bis 22 Prozent.
Laut den Autorinnen und Autoren geht mehr als ein Viertel der Verordnungsfehler im Krankenhaus auf unvollständige Medikamentenlisten bei der Aufnahme zurück. Als Lösung nennen sie bessere Schulung, Zugang zu den Daten der Apotheken und eine engere Zusammenarbeit von Patientinnen und Patienten, Ärzteschaft und Apotheken.
Den letzten Punkt kannst du selbst beeinflussen. Eine aktuelle Liste in der Tasche oder auf dem Telefon ist gerade in Situationen wertvoll, in denen du nicht in Ruhe nachdenken kannst: in der Notaufnahme, bei einer neuen Fachärztin oder im Urlaub. Die WHO nennt Übergänge zwischen Versorgungsstationen, etwa die Aufnahme ins oder die Entlassung aus dem Krankenhaus, ausdrücklich als Moment mit erhöhtem Risiko.
Was gehört alles auf einen Medikationsplan?
Alles, was du einnimmst oder anwendest: verschriebene Medikamente, rezeptfreie Mittel, pflanzliche Präparate und Nahrungsergänzungsmittel. Laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gehören zu jedem Eintrag Wirkstoff, Handelsname, Stärke, Darreichungsform, Dosierung, Grund der Einnahme und Hinweise. Auch Supplemente sind wichtig, weil sie Laborwerte verfälschen können.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) beschreibt für den bundeseinheitlichen Medikationsplan in Deutschland, dass alle verordneten Medikamente und auch die Selbstmedikation aufgeführt werden sollen. Zu jedem Mittel gehören der Wirkstoff, der Handelsname, die Stärke, die Darreichungsform, also etwa Tablette, Tropfen oder Spray, die Dosierung, der Grund der Einnahme und sonstige Hinweise.
Warum auch Supplemente dazugehören, zeigt ein Beispiel der US-Arzneimittelbehörde FDA: Sie warnt, dass Biotin, das oft in Nahrungsergänzungsmitteln für Haare, Haut und Nägel steckt, bestimmte Laborwerte deutlich verfälschen kann, ohne dass es auffällt. Besonders besorgt ist die FDA über falsch niedrige Werte von Troponin, einem Blutwert, mit dem ein Herzinfarkt erkannt wird. Sie erhält nach eigenen Angaben weiterhin Berichte über solche Fälle.
Praktisch hilft dir eine einfache Regel: Alles, was du schluckst, einreibst, inhalierst, spritzt oder tropfst und das kein normales Lebensmittel ist, gehört auf die Liste. Notiere außerdem, wie oft du Mittel nur bei Bedarf nimmst, etwa Schmerz- oder Schlafmittel. Wer fast jeden zweiten Tag eine Kopfschmerztablette nimmt, hat in Wahrheit eine Dauermedikation.
Wer hat in Deutschland Anspruch auf einen Medikationsplan?
Gesetzlich Versicherte, die gleichzeitig mindestens drei verordnete, im ganzen Körper wirkende Medikamente über mindestens 28 Tage nehmen. Den Plan erstellt meist die Hausarztpraxis. Er wird auf Papier mit Barcode ausgegeben und laut Bundesgesundheitsministerium auch elektronisch in der elektronischen Patientenakte gespeichert. Apotheken können ihn mit deiner Zustimmung aktualisieren.
Rechtsgrundlage ist Paragraf 31a des Fünften Sozialgesetzbuchs. Die bundesweite Vereinbarung über den einheitlichen Medikationsplan stammt vom 30. April 2016. Im ganzen Körper wirkend, Fachleute sagen systemisch, sind zum Beispiel Tabletten und Spritzen, nicht aber eine Salbe, die nur auf der Haut wirkt.
Laut KBV erstellt die Praxis, die deine Medikation koordiniert, den Plan, in der Regel die Hausarztpraxis. Fachärztinnen und Fachärzte sowie Krankenhäuser sollen ihn aktualisieren, wenn sie etwas ändern oder von einer Änderung erfahren; dasselbe gilt für Apotheken. Der Barcode auf dem Papierplan speichert die Angaben, sodass Praxis und Apotheke ihn einlesen und weiterführen können. Die Verantwortung für die Verordnung bleibt bei der verordnenden Ärztin oder dem verordnenden Arzt.
Laut Bundesgesundheitsministerium (Stand Juni 2025) muss dich die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt über deinen Anspruch informieren. In der elektronischen Patientenakte kannst du den Plan auch selbst einsehen. Wenn du die Voraussetzungen erfüllst und noch keinen Plan hast, frag in deiner Hausarztpraxis danach.
| Land | Angebot | Für wen | Quelle |
|---|---|---|---|
| Deutschland | Bundeseinheitlicher Medikationsplan, auf Papier und in der elektronischen Patientenakte | Mindestens 3 verordnete, systemisch wirkende Medikamente über mindestens 28 Tage | KBV, BMG |
| Deutschland | Erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation in der Apotheke | Mindestens 5 verordnete, systemisch wirkende Medikamente in der Dauermedikation; einmal alle 12 Monate | Deutscher Apothekerverband, Stand 2022 |
| Schweiz | Polymedikations-Check in der Apotheke, von der Krankenversicherung bezahlt | Mindestens 4 verordnete Medikamente über mehr als 3 Monate | Messerli 2016 und 2018 |
| Österreich | e-Medikation in ELGA, digitale Liste verordneter und abgegebener Medikamente | Alle Menschen in ELGA; Zugang zum Portal mit ID Austria ab 14 Jahren | ELGA GmbH 2025 |
Die Angaben geben den Stand der genannten Quellen wieder. Einzelheiten zu Kosten und Ablauf erfährst du bei deiner Krankenkasse, Hausarztpraxis oder Apotheke.
Was ist die Medikationsberatung bei Polymedikation in deutschen Apotheken?
Eine Beratung, auf die Versicherte Anspruch haben, wenn sie dauerhaft mindestens fünf verordnete, systemisch wirkende Medikamente nehmen. Die Apotheke erfasst dabei alle Mittel, die du mitbringst, prüft sie auf Probleme wie Wechselwirkungen und erstellt oder aktualisiert deinen Medikationsplan. Sie kann einmal alle zwölf Monate in Anspruch genommen werden.
Die Leistungsbeschreibung des Deutschen Apothekerverbands (Stand 13. Juni 2022) nennt als Voraussetzung, dass jemand aktuell und voraussichtlich auch in den nächsten 28 Tagen mindestens fünf verschiedene ärztlich verordnete, systemisch wirkende Arzneimittel oder Inhalativa in der Dauermedikation anwendet. Durchführen dürfen sie nur Apothekerinnen und Apotheker mit einer speziellen Fortbildung.
Am Anfang steht ein sogenannter Brown-Bag-Review. Der Name kommt aus dem Englischen und bedeutet sinngemäß „braune Tüte“: Du bringst alle deine Medikamente in einer Tasche mit, auch die rezeptfreien. Die Apotheke prüft dann unter anderem auf Wechselwirkungen, unpassende Einnahmezeiten, auch im Zusammenhang mit Mahlzeiten, Anwendungsprobleme, Nebenwirkungen und mangelnde Therapietreue.
Was dabei auffällt, wird mit dir besprochen und mit deiner Zustimmung bei Bedarf mit deiner Ärztin oder deinem Arzt abgestimmt. Danach wird dein Medikationsplan erstellt oder aktualisiert. Bekommst du innerhalb von vier Wochen mindestens drei neue oder andere Dauermedikamente, kann die Beratung auch vor Ablauf der zwölf Monate wiederholt werden.
Was ist der Polymedikations-Check in der Schweiz?
Eine Überprüfung deiner Medikamente in der Apotheke, die seit 2010 angeboten und von der Krankenversicherung bezahlt wird. Sie richtet sich an Menschen, die mindestens vier verordnete Medikamente über mehr als drei Monate nehmen. In einer Studie mit 450 Teilnehmenden fanden 83 Prozent die Beratung hilfreich für ihren Alltag mit den Medikamenten.
Der Polymedikations-Check, kurz PMC, wurde 2010 eingeführt. Er wird unabhängig von der verordnenden Ärztin oder dem verordnenden Arzt in der Apotheke durchgeführt. Messerli und Kollegen von der Universität Basel haben ihn in einer Studie in 54 Schweizer Apotheken untersucht. 450 Menschen wurden zufällig einer Gruppe mit sofortigem Check oder einer Vergleichsgruppe mit Check nach 28 Wochen zugeteilt.
Unter den Problemen, die die Apothekerinnen und Apotheker beim ersten Check ansprachen, war am häufigsten, dass mindestens ein Medikament nicht regelmäßig genommen wurde: 69 Fälle oder 26,7 Prozent. Weil die Teilnehmenden ihre Mittel aber schon zu Beginn zu rund 88 Prozent vorrätig hatten, gab es kaum Spielraum für eine messbare Verbesserung; dieser Wert stieg durch den Check nicht. Die Menschen in der Check-Gruppe schätzten ihr Wissen über ihre Medikamente aber besser ein als die Vergleichsgruppe, und das hielt über Monate an (Messerli 2018).
Ein Detail aus derselben Studie zeigt, wie viel Luft nach oben ist: Nur etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmenden hatte einen schriftlichen Medikationsplan, 52,5 Prozent in der einen und 52,7 Prozent in der anderen Gruppe. Wenn du mehrere Medikamente nimmst, frag in deiner Apotheke nach dem Polymedikations-Check und bitte darum, dass am Ende ein aktueller Plan für dich herauskommt.
Wie funktioniert die e-Medikation in Österreich?
Die e-Medikation ist eine digitale Liste in der Elektronischen Gesundheitsakte ELGA. Sie zeigt, welche Medikamente dir verschrieben und welche in der Apotheke abgegeben wurden. Rezeptfreie Mittel stehen darauf, wenn deine e-card in der Apotheke eingelesen wurde. Du selbst siehst die Liste im ELGA-Portal mit deiner ID Austria.
Laut dem Informationsblatt der ELGA GmbH von 2025 sieht deine Ärztin oder dein Arzt in der e-Medikation, welche Medikamente verschrieben wurden und welche du in der Apotheke abgeholt hast. Kassenärztinnen und Kassenärzte müssen verordnete Medikamente dort speichern. Ab 2026 sind dazu auch alle Wahlärztinnen und Wahlärzte verpflichtet, für die keine gesetzliche Ausnahme gilt.
Auch deine Apotheke kann die gesamte Liste einsehen, sofern deine e-card dort eingelesen wird. Rezeptfreie Medikamente und solche von Wahlärztinnen oder Wahlärzten werden ebenfalls nur gespeichert, wenn die e-card eingelesen wurde. Es lohnt sich also, die e-card auch beim Kauf rezeptfreier Mittel vorzulegen, damit die Liste vollständig ist.
Über das ELGA-Portal kannst du deine e-Medikationsliste mit der ID Austria einsehen, speichern, ausdrucken, sperren oder löschen; die ID Austria gibt es ab 14 Jahren. Wer die Gesundheitsdaten sehen darf, bestimmst du laut ELGA selbst. Nahrungsergänzungsmittel aus dem Supermarkt oder dem Internet erscheinen dort nicht. Die solltest du deiner Ärztin oder deinem Arzt weiterhin selbst nennen.
Wie bereitest du dich auf einen Medikations-Check vor?
Bring alle Medikamente in einer Tasche mit, auch rezeptfreie Mittel, Salben, Tropfen und Supplemente, und notiere deine Fragen. Die WHO hat dafür 2019 das Patientenheft „5 Momente für Medikationssicherheit“ herausgegeben. Es nennt fünf Momente, in denen du nachfragen solltest: beim Beginn, bei der Einnahme, bei einem zusätzlichen Mittel, bei der Überprüfung und beim Absetzen.
Die WHO hat 2017 die weltweite Initiative „Medication Without Harm“ gestartet, also Medikation ohne Schaden. Ihr Ziel war, schwere, vermeidbare Schäden durch Medikamente in allen Ländern innerhalb von fünf Jahren um 50 Prozent zu senken. Die Kosten von Medikationsfehlern schätzte die WHO auf 42 Milliarden US-Dollar im Jahr. Als Schwerpunkte nannte sie Medikamente mit hohem Risiko bei falscher Anwendung, Menschen, die mehrere Medikamente für verschiedene Erkrankungen nehmen, und Übergänge zwischen Versorgungsstationen.
Das Heft „5 Moments for Medication Safety“ ist Teil dieser Initiative und soll bei dir bleiben, nicht in der Praxis. Es ordnet Fragen den fünf Momenten zu, in denen sich Fehler vermeiden lassen. Dazu gehören Fragen wie: Wie heißt das Mittel und wofür nehme ich es? Wann und wie viel nehme ich jeweils? Wie lange soll ich es nehmen? Und wann darf es abgesetzt werden?
Ganz praktisch: Pack am Vorabend alle Packungen in eine Tasche, auch die aus dem Badezimmerschrank und der Handtasche. Schreib dazu, wie du jedes Mittel wirklich nimmst, nicht nur, wie es verordnet ist. Und notiere Beschwerden, die neu aufgetreten sind, seit du etwas verändert hast. Das hilft der Apotheke, deiner Ärztin oder deinem Arzt mehr als jede Erinnerung im Gespräch.
Gibt es Medikamente, die im Alter weniger gut geeignet sind?
Ja. Für Deutschland gibt es die PRISCUS-Liste. Ihre neue Fassung von 2023 nennt 187 Wirkstoffe, die für Menschen ab 65 Jahren möglicherweise ungeeignet sind. Der Anteil der über 65-Jährigen in Deutschland, die mindestens ein solches Mittel im Jahr bekamen, sank von 24 Prozent im Jahr 2009 auf 14,5 Prozent im Jahr 2019.
Die Liste ist ein Werkzeug für Ärztinnen, Ärzte und Apotheken. Mann und Kollegen haben sie 2023 im Deutschen Ärzteblatt als PRISCUS 2.0 veröffentlicht, erarbeitet in drei Befragungsrunden mit 59 Fachleuten aus Praxis und Forschung. Das Autorenteam stammt aus Deutschland und Österreich. 133 der Wirkstoffe standen in der ersten Fassung von 2010 noch nicht, darunter einige Mittel gegen Diabetes und bestimmte Beruhigungsmittel.
Für manche Mittel kommt es auf die Dauer oder die Menge an. So gilt etwa die Einnahme von Magenschutzmitteln aus der Gruppe der Protonenpumpenhemmer über mehr als acht Wochen als möglicherweise ungeeignet. Die Fachleute haben für viele Wirkstoffe auch Alternativen genannt.
„Möglicherweise ungeeignet“ heißt nicht „verboten“. Es kann gute Gründe geben, ein solches Mittel trotzdem zu nehmen. Wenn du über 65 bist oder jemanden in diesem Alter begleitest, ist die Liste aber ein guter Anlass für eine Frage beim nächsten Termin: Gibt es für eines meiner Mittel eine besser geeignete Alternative? Setze nichts selbst ab, sondern besprich jede Änderung mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
So hilft dir die YUTHI-App
In der YUTHI-App führst du im Bereich Medikamente eine Liste mit Name, Dosis, Tageszeit, Rhythmus und dem Datum, seit dem du ein Mittel nimmst. Die App schlägt weder eine Dosis noch eine Uhrzeit vor. Eintragen kannst du von Hand, im Chat mit einem Satz oder mit einem Foto der Packung: Dein Coach liest Name und Stärke ab und fragt nach, bevor etwas aufgenommen wird. Was du im Chat nur einmal erwähnst, etwa eine einzelne Schmerztablette, landet nicht automatisch in der Dauerliste, sondern wartet unter „Aus dem Chat aufnehmen“ auf deine Entscheidung.
Deine Supplemente führst du im Bereich Supplemente, und dort siehst du auch deine Medikamente zum Abhaken. So steht alles, was du einnimmst, an einem Ort. Für den nächsten Termin erstellst du daraus einen Bericht als PDF. Wählst du als Anlass „Hausarzt oder Check-up“, sind Medikamente und Supplemente schon vorausgewählt.
Im Bericht steht deine Medikamentenliste als Tabelle mit Name, Dosis, Einnahmezeit und Beginn, dazu die Anzahl der Mittel und deine Einnahme-Treue, falls du feste Zeiten eingetragen hast. Dazu der Hinweis, dass du die Liste selbst geführt hast und die App keine Dosis vorgibt. Den Bericht gibst du selbst weiter, per Mail, AirDrop oder ausgedruckt; er wird auf deinem Telefon erstellt und nicht an einen Server geschickt.
Die Liste ersetzt keinen Medikationsplan von Praxis oder Apotheke, sie hilft dir aber, beim Gespräch nichts zu vergessen. Und wie ist es bei dir: Wüsstest du ohne Nachschauen alle Mittel, die du in den letzten vier Wochen genommen hast?
YUTHI-App · Medikamente regelmäßig einnehmen
Häufige Fragen
Ab wann gilt man als Polypharmazie-Patient?
Eine feste Grenze gibt es nicht. In vielen Studien, etwa in der europäischen SHARE-Auswertung von 2018, spricht man ab fünf gleichzeitig eingenommenen Medikamenten von Polypharmazie.
Wer erstellt den Medikationsplan in Deutschland?
In der Regel die Hausarztpraxis, die deine Medikation koordiniert. Fachärztinnen, Fachärzte, Krankenhäuser und Apotheken sollen ihn laut KBV aktualisieren, wenn sich etwas ändert.
Kostet der Polymedikations-Check in der Schweiz etwas?
Er wird seit seiner Einführung 2010 von der Krankenversicherung bezahlt, wenn du mindestens vier verordnete Medikamente über mehr als drei Monate nimmst. Wie die Abrechnung bei deiner Kasse genau läuft, erfährst du in deiner Apotheke.
Stehen Nahrungsergänzungsmittel in der österreichischen e-Medikation?
In der e-Medikation stehen verordnete und in der Apotheke abgegebene Medikamente, rezeptfreie nur, wenn die e-card eingelesen wurde. Supplemente aus dem Supermarkt oder dem Internet erscheinen dort nicht. Nenne sie deiner Ärztin oder deinem Arzt selbst.
Darf ich Medikamente weglassen, wenn es mir zu viele werden?
Nicht auf eigene Faust. Ob und wie sich ein Mittel absetzen lässt, entscheidest du gemeinsam mit Fachleuten. Sprich mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder deiner Apotheke, ob sich deine Liste vereinfachen lässt.
Was ist ein Brown-Bag-Review?
Du bringst alle Medikamente, die du einnimmst oder anwendest, in einer Tasche in die Apotheke oder Praxis, auch rezeptfreie und pflanzliche. So wird geprüft, was du tatsächlich nimmst, nicht nur, was verordnet ist.
Das war die Momentaufnahme. Die App macht daraus eine Begleitung.
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Quellen
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- Pirmohamed M, James S, Meakin S, et al. Adverse drug reactions as cause of admission to hospital: prospective analysis of 18 820 patients. BMJ. 2004;329(7456):15–19.
- Qato DM, Wilder J, Schumm LP, et al. Changes in Prescription and Over-the-Counter Medication and Dietary Supplement Use Among Older Adults in the United States, 2005 vs 2011. JAMA Intern Med. 2016;176(4):473–482.
- Rochon PA, Gurwitz JH. Optimising drug treatment for elderly people: the prescribing cascade. BMJ. 1997;315(7115):1096–1099.
- Tam VC, Knowles SR, Cornish PL, et al. Frequency, type and clinical importance of medication history errors at admission to hospital: a systematic review. CMAJ. 2005;173(5):510–515.
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- U.S. Food and Drug Administration. Biotin Interference with Troponin Lab Tests – Assays Subject to Biotin Interference.
- Deutscher Apothekerverband. Erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation: Leistungsbeschreibung. As of 13 June 2022.
- Messerli M, Blozik E, Vriends N, Hersberger KE. Impact of a community pharmacist-led medication review on medicines use in patients on polypharmacy – a prospective randomised controlled trial. BMC Health Serv Res. 2016;16:145.
- Messerli M, Vriends N, Hersberger KE. Humanistic outcomes and patient acceptance of the pharmacist-led medication review „Polymedication Check“ in primary care in Switzerland: a prospective randomized controlled trial. Patient Prefer Adherence. 2018;12:1071–1078.
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